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  • O.M.M.

Als Künstler bei sich selbst anfangen

Viele glauben, dass Kunst eines der Gegenmittel gegen die Missstände der Gesellschaft ist. Und alle, die sich mehr oder weniger auf einen künstlerischen Weg gemacht haben, schreiben der Kunst einen tiefen, ja sogar spirituellen Wert zu. Wer kennt nicht Sätze wie „Musik bringt die Leute zusammen“ oder „Musik heilt“, „Ohne Musik wäre das Leben ein Fehler“ usw.

Ich glaube ebenfalls, dass Musik und Kunst generell ein großes transformatives Potenzial haben, nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft. Und ich glaube auch, dass der Musiker oder Künstler gerade heute eine Verantwortung in der Welt hat, die weit über die eines „guten Profis“ hinausgeht. Schauen wir uns um – die Welt besteht nicht aus Parkettböden und roten Samtstühlen. Wir müssen darauf achten, das „Leben im Goldkäfig“ des modernen Künstlers (inmitten toller Flugzeuge, schöner Räume und Ovationen) nicht mit dem Leben da draußen zu verwechseln. Wir leben in einer Zeit, in der ein Gefühl der Trennung weit verbreitet ist. Die Trennung zwischen Menschen, die von einer zunehmend armen und oberflächlichen Kommunikation in den sozialen Medien getäuscht werden, scheint ein geradezu epidemisches Niveau erreicht zu haben. Musik kann bei all dem sicherlich helfen. Der Künstler, der Musiker kann dabei eine wichtige Rolle spielen.

Aber wie? Ausgehend von seinem wahren Selbst und der Verantwortung, auf die geistige Seite zu schauen.

In der Musikerziehung an Hochschulen sprechen wir im Allgemeinen viel über „Sensibilität“ und Themen, die auch sehr „feinstofflich“ sind. Wir lernen, das Zuhören zu schärfen und viele Eigenschaften zu entwickeln. Es kann jedoch vorkommen, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt alles getan wird, um lediglich „ein Abbild des Selbst“ zu schaffen, eine „Image“ und zu wenig, um uns in den Dienst von etwas Größerem zu stellen. Es kann vorkommen, dass dies alles getan wird, um quasi neue Masken aufzusetzen, statt Masken abzustreifen.

Es kann vorkommen, dass Erfolg und Popularität zu so wichtigen Zielen werden, dass derjenige, der sich selbst aufgrund seiner aufgepumpten Selbstwahrnehmung als „großen Künstler“ betrachtet, beginnt, andere Menschen in ein Publikum zu verwandeln und sich immer mehr in einen Maske, in einen Charakter, in eine aufgesetzte „Persönlichkeit“ zu verwandeln“. „Ein großartiger Charakter“. Eine „großartige Persönlichkeit“ etc., in anderen Worten: ein großartiges „ICH ICH ICH“!

Wenn dies geschieht, beginnt der in jedem von uns vorhandene Geist fürchterlich zu leiden. Inmitten all des Erfolgs und all dem Gefühl von „Macht“, über das man verfügen kann, beginnt etwas tief unglücklich zu sein, weil es nicht wirklich mit dem Leben verbunden ist, es ist nicht wirklich mit anderen verbunden, es ist nicht wirklich mit seiner wahren seelischen Identität verbunden.

Wir müssen uns ständig daran erinnern, dass der Sinn nicht im Erfolg besteht. Sondern geht es um Sein, um frei zu sein, vom Herzen zu leben, um wahr und schöpferisch zu sein. Dann hören die anderen auf, eine Jury zu sein, ein Publikum. Sie werden zu Begleitern, mit denen wir die Realität teilen können, mit denen wir Nahrung in allen verschiedenen Formen austauschen können. Die anderen werden dann Teil der inneren Kraft, die uns vereint und uns auf dem eigenen Entwicklungsweg vorwärtstreibt. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir alle viel mehr wert sind als unser Lebenslauf.

Durch Konkurrenz, Scham und Persönlichkeitskult verlieren wir den Schlüssel zu unserer Menschlichkeit und zu der Fähigkeit, wahrhaftig in Beziehungen mit anderen Menschen zu sein. Der Stress des Wettbewerbs führt dazu, dass wir uns anders benehmen und im Außen zeigen als das, was wir fühlen, und wir verstecken viele von unseren Emotionen, um unsere Realität vor uns und anderen zu verbergen.

Wir möchten die Fassade der Makellosigkeit, der „Genies“ und der „großen Persönlichkeiten“ pflegen, aber es ist ein bisschen wie das Porträt von Dorian Gray – hinter der glänzenden Fassade der Cover, hinter den kultivierten Wörtern der Zeitschriften, hinter dem Glitzern der Websites verbirgt sich häufig eine Arbeitswelt, in der ätzender Neid, Empörung, Urteil, Bitterkeit, Misstrauen usw. wie Schlangen kriechen. Unser soziales Ego wird wichtig, und wir glauben, dass unser äußeres Image und unsere Arbeitsziele und -erfolge wirklich die Person ausmachen, die wir im Wesentlichen sind.

Die heutige Welt ist kriegslüstern, voller Gewalt, Mauern und schöngefärbter Reden ist. Menschenwürde wird ignoriert. Wenn wir wirklich wollen, dass Musik und Kunst starke Kräfte darin sind, dann müssen wir bei uns selbst anfangen. Wir könnten davon ausgehen, dass wir hier sind, um unsere Talente anderen zur Verfügung zu stellen, damit alle vorwärtskommen. Nicht, um „Talente zur Schau zu stellen“ und um als etwas Besonderes oder Überlegenes gegenüber denjenigen zu gelten, die uns applaudieren.

Da Narzissmus gerade in künstlerischen Kreisen ständig lauert, kann sich keiner von uns als völlig frei von der Möglichkeit eines Fehltritts bezeichnen. Künstler können Akteure des Friedens, Träger des Lichts und der Energie sein – aber um dieses Potenzial in uns zu erwecken, muss man zuerst aus einer „Blase“ herauskommen, in der wir uns normalerweise einsperren. Wir müssen zunächst Abwehrmechanismen, Mangel an Authentizität, exzessive persönliche Wichtigkeit loslassen und uns wieder mit Dankbarkeit in den Augen begegnen. Der Dankbarkeit zu wissen, dass wir zu derselben Menschheitsfamilie gehören und Spielkameraden bei einer Aufgabe sind, die weit über unser Leben hinausgeht. Der Dankbarkeit, dass wir füreinander da sind, um das Leben reicher an wahrer Liebe, Mitgefühl, und Geist zu machen. – OMM –


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© 2019 by Ottavia Maria Maceratini